Aufstehn! – Ein Schaf setzt sich in (die Friedens-) Bewegung 

Oder:

Lucky lernt Laufen

Lucky bleibt liegen.
Die ersten Tage in dem Zweihufler-Stall verbrachte ich vornehmlich liegend. (Foto & Bearbeitung: Lucky-Loo-Red.)

Der Entschluss, meine Existenz trotz anfänglicher Widerstände (siehe erster Beitrag unter dieser Kategorie) fortzusetzen, sollte sich als ausgesprochen gute Idee erweisen, denn mein Leben kann ich bis heute nicht anders als lebenswert nennen.

Wolle trifft Fell

Die ersten Lebensmonate wohnte ich in Papa Zweihuflers Privatstall.  Aufmerksam und liebevoll, wie er nun mal gegenüber Tieren ist, hatte er mir ein gemütliches Bettchen direkt vor seinem Kamin in  der Küche bereitet.  Dort pflegte ich auf und in einem alten, aber angenehm weichen Pelzmantel zu liegen. Den hatte mir sein Weibchen spendiert. Allerdings versicherte es mir wiederholt, dass sie ihn von ihrem Groß-Mutter-Schaf geerbt hatte und NIEMALS selbst Tierfell kaufen würde usw. … Aber ihre flexi-vegane Einstellung interessierte mich nicht weiter. Hauptsache, ich hatte es warm und kuschelig. Und das hatte ich, vor allem, wenn ich meinen edlen Woll-Popo an den prasselnden Kamin drückte.

Die für mich eingerichtete Komfort-Zone hielt mich selbstverständlich nicht davon ab, die vielen weiteren interessanten Ecken und Plätze in Papas Stall zu erkunden. Aber dazu später, denn diese Exkursionen setzten voraus, dass ich erst kräftiger werden sowie mich aufzurichten und laufen lernen musste. In den ersten Tagen beschränkten sich nämlich meine Aktivitäten auf „Vor-Dem-Kamin-Herumlungern“ , „Ins-Fellbettchen-Pullern / bzw. -Kötteln“ und „Milchflasche-In-den-Schlund-Geschoben-Bekommen“.

LuckyLamm steht mit wackeligen Beinchen.
Trotz Hilfestellungen konnte ich mich schwerlich auf den Beinen halten. (Foto: Lucky-Loo-Red.)

Freilich versuchte ich zwischen-durch, meinen Luxuskörper zu erheben, doch wollte mir dies  partout nicht gelingen. Papa und sein Weibchen stellten mich immer wieder auf die Beine, doch nach ersten, äußerst wackeligen Schritten, knickte ich ebenso immer wieder ein oder rutschte schlicht auf dem blöden Holzfußboden aus.

So kam ich in den fragwürdigen Genuss von des Weibchens Trainingsstunden zur Kräftigung meiner bis dato nicht vorhandenen Muskulatur einschließlich integrierter Lehreinheiten – dies wiederum zur Förderung meiner motorischen Fähigkeiten, welche die Zweihuflerin vor dem Hintergrund eines penibel durchdachten Konzepts in folgende Module ausgearbeitet hatte und mir in regelmäßigen Abständen angedeihen ließ:

Modul I: Präsentation der Methode und Lernziele

Um mir zu demonstrieren, wie ein Schaf aufzustehen und zu laufen hatte, lag die selbst ernannte Schafs-Gang-Expertin

  1. zunächst mit angewinkelten Hinter- und Vorderbeinen bäuchlings auf dem Holzfußboden der Küche,
  2. hob sodann ihr Hinterteil gen Höhe,
  3. stemmte anschließend die Vorderhufe fest auf den Boden, um
  4. die Vorderbeine langsam nach oben zu strecken sowie schließlich und endlich
  5. sich auf allen Vieren durch das Erdgeschoss des Zweihufler-Stalls in unterschiedlichen Geschwindigkeiten fortzubewegen und
  6. dabei – zu meiner hochgradigen Irritation – lauthals zu singen: „Alle Lämmchen, die ein bess’res Leben wünschen, sollen aufsteh’n!!!“.

Modul II – Theoretischer Teil: Erklärungen und Erläuterungen der Präsentation aus Modul I

Oben aufgeführte Präsentation wurde mit wiederholten und ausschweifenden Erklärungen seitens des Zweihufler-Weibchens erläutert. Ein Auszug aus ihren Demo-begleitenden Kommentaren:

Zu Modul I 1.: Abweichend von vorgeführter Demo der Zweihuflerin seien in meinem Fall  die Vorderbeine andersherum  und nicht vor, sondern unter dem Brustkorbbereich einzuknicken. Ihr selbst – so erklärte sie mir – seien an dieser Stelle gewisse anatomische Grenzen gesetzt und ich müsse mir den Vorderbein-Vorgang an dieser Stelle spiegelverkehrt denken… Aha.

Zu Modul I 2.: Hier unterbrach sie ihre Erklärung mit dem ungehaltenen Ausruf, dass ich mir gefälligst mein blödes Grinsen verkneifen solle. (Aber: Hey! Ein emporgestreckter, unbewollter A… sieht einfach urkomisch aus!!!).

Zu Modul I 3.: Auch diesen Bewegungsablauf solle ich mir andersherum bzw. spiegelverkehrt vorstellen, weil das Zweihufler-Weibchen aufgrund seines anatomisch bedingten Unvermögens (s.o.) zu einer schafsgerechten Demo des authentischen Schafs-Vorderlauf-Einknickens nicht in der Lage sei usw., blabla, etc.

Zu Modul I 4.: … und in meinem Fall deshalb der  Schwerpunkt zunächst auf die Knie zu verlagern seien, um anschließend auf die Vorderhufe zu kommen.

Zu Modul I 5.: Hier folgten keine weiteren Erklärungen, sondern – noch schlimmer …

Zu Modul I 6.: … das Daherschmettern des oben erwähnten Liedguts „Aufstehn“, welches im Zuge seiner erstmaligen Darbietung einige Konsequenzen für mich und meinen Bildungsstand zur Folge hatte. Aber davon erzähle ich Euch weiter unten.

Modul III – Motivation und Appell zur Eigentätigkeit

Selbstverständlich gab sich mein Coach nicht allein mit erläuternden Vorführungen zufrieden. Nein! Modul I und II waren mit  geradezu penetrantem Aufforderungscharakter in Wort und Mimik in meine Richtung durchzogen, von denen ich Euch aber verschonen will, weil: Das war echt nervig! Immer dieses „Los!“, „Und jetzt du!“,  „Na, mach‘ schon!“, „Is‘ doch nicht so schwer!“, „Stell‘  dich nicht so an!“ über  „Ja, ja, genau!!“, „Du schaffst das!“, „Gleich hast du’s!“ bis hin zu „Oh, nein!!!“, „Nicht so!“, „Ha, ha, ha! Ist das Lucky-Lämmchen wieder umgeplumpst?!“  – Boah, ey! Sehr witzig!

Modul IV: Praktische Übungen und Präsentation der Zwischen-Ergebnisse

Zu Modul I 1.: Pfff! Hatte ich längst voll drauf! Da hätte die sich ihre dümmlichen Erklärungen sparen können …

Zu Modul I 2.: Pah! Einer meiner leichtesten Übungen! Peinlicherweise blieb ich aber anfänglich in dieser Haltung stecken, was die zweihufigen Zuschauer regelmäßig zu unangemessenem Amusement bis hin zu deplatziertem Gelächter veranlasste. Doofköppe!

Zu Modul I 3. – 5.: In den ersten Trainingsstunden hatte ich weder Demo noch Erläuterung kapiert, (einer der Gründe, warum ich in der Position des hochgereckten Popos und der angewinkelten Vorderbeine regelmäßig im Stand-By-Modus einfror). Deshalb zeichnete mir die Zweihuflerin zusätzlich eine grottenschlechte Skizze (s.u.), die sie mir ungefragt vor die Nase legte.

Zu Modul I 6.: Mit letztem Teil des Projekts „Wie erhebt sich ein Schaf“ hatte ich  also  lange arge Schwierigkeiten. Aber nicht nur der anfangs erfolglose  Transfer von Theorie und Praxis ließ mich mitten im vorgesehenen Bewegungsprozess erstarren. Wie schon angedeutet, war ich über den Soundtrack „Aufstehn“ insbesondere in der allerersten Trainingsstunde stark verwundert. Mein entsprechend fragezeichenbespicktes Stirnrunzeln ließ das Zweihufler-Weibchen in ihrem fragwürdigen Tun abrupt innehalten „Alle Lämmchen, die ein bessres Leben wünschen, sollen …“, sah mich ungläubig an und schnaubte sodann im vorwurfsvollen Tonfall: „Kennst du ETWA ‚AUFSTEHN‘ nicht???!!!“, krabbelte in einer affenartigen Geschwindigkeit zu mir, ließ sich an mein Fellbettchen plumpsen und polterte weiter: „Das ist DER Song der Friedensbewegung! – Für Frieden! – Gegen Atomwaffen! …  DIE Hymne auf Freiheit! – Mut! – Selberdenken! – Selberhandeln! … Und überhaupt!!!“

Friedenstauben gegen Waffen.
Was für die Friedensbewegung galt, war auch bei mir angesagt: Aufstehn! (Quelle: pixabay)

In ihrer fassungslosen Empörung ob meiner politisch-gesellschaftlichen Ignoranz im Allgemeinen und meiner darüber hinaus nicht entschuldbaren Unkenntnis über den Kalten Krieg, Aufrüstung, Atomwaffenbedrohung („Neulich vor knapp vierzig Jahren!“; O-Ton, Zweihuflerin) im Besonderen fühlte sie sich offensichtlich  bemüßigt, mir einen langen Vortrag zu halten zum Thema Aufstehn” im historischen Kontext unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses der holländischen Rockgruppe „bots“ hinsichtlich gegenwärtiger Relevanz und Konsequenz im globalen Spannungsfeld zwischen Aktion, Reaktion und Resignation“.

Ihre ermüdenden Ausführungen schienen nicht enden zu wollen. Längst klingelten mir die Ohren, die Synapsen im Hirn tanzten Pogo und mir schwindelte gewaltig. Aber eins hatte ich spätestens begriffen, als das Zweihufler-Weibchen endlich an ihre Schlussthesen gelangte. Darin leitete sie Brisanz und Aktualität der Bedeutung dieses Songs aus den späten 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf das global village heutiger Tage her. Und ich leitete Brisanz, Aktualität und v.a. dringende Notwendigkeit von „Aufstehn“ auf meine aktuelle Lage her. Und als die Referentin zu meinem Entsetzen nochmals anhub, dieses Lied krakeelen zu wollen, wurde mir schlagartig nicht nur die Kernbotschaft von „Aufstehn“  auf kognitiver Ebene klar, sondern ich konnte sie in diesem Moment auch auf physischer Ebene umgehend umsetzen: Aufstehn! Und zwar sofort! Und dann Weglaufen! So weit weglaufen, bis ich außer Reichweite und vor allem Hörweite war!

Genau das tat ich.

Und seit diesem Zeitpunkt habe ich ein besseres Leben …

Und übrigens: Peace!

Beflügeltes Peace-Zeichen
(Quelle: pixabay)
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Folge der Lucky-Herde

Autor: Lucky-Loo

Geb. 2016; aufgewachsen und sozialisiert unter Zweihuflern in den ersten Lebensmonaten; erfolgreich reintegriert in die Schafsherde; seitdem geistiger Führer, Abenteurer und Autor zwischen zwei Welten.

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