Lange Geschichte eines noch kurzen Lebens

Mein Name ist Loo – Lucky Loo. Einst nannte man mich Looser. Doch dann wurde ich zu Lucky. Und das kam so:

In einer eiskalten Januarnacht erblickte ich unter spärlichster Beleuchtung  einer baufälligen, feucht-nassen Scheune das Funzellicht der Welt. Trotz dieser offenkundig trüben Aussichten bemühte ich mich redlich, die nach Milch duftende Nahrungsquelle eines Wollknäuels – genannt: Mutterschaf – ausfindig zu machen. Doch während mein streberhafter Zwillingsbruder Fred mühelos das richtige Ende erwischte, saugte ich noch relativ erfolglos im Wollgestöber des vorderen Teils herum.

Baby-Lämmchen in Küche
Die Qualität dieses Bildes ist fast so schlecht wie mein Gesundheitszustand in den ersten Lebenswochen. Hier komme ich langsam in bzw. auf die Hufe. (Foto: Lucky-Loo-Red.), der die Qualität peinlich ist, aber Lucky bestand auf die Veröffentlichung!)

Doch statt mir vielleicht mal auf die Bocksprünge zu helfen, wackelte Bruderherz nur hektisch mit dem Schwänzchen und ließ sein triumphierendes Schmatzen vernehmen.  Durch Freds unbrüderliches Verhalten stand unser Verhältnis für lange Zeit auf äußerst wackeligen Hufen: Aber nicht nur das: Eine vergleichbar wackelige Angelegenheit war das Unterfangen, auf meinen formschönen Beinchen zu stehen. Und angesichts meines wachsenden Hungers wurde die Sache mit der Standfestigkeit wahrlich nicht besser.

 No milk today!

Selbst nachdem ich endlich den Quell meiner Begierde gefunden hatte, musste ich belämmert feststellen, dass in dem Euter kein Tropfen Milch mehr übrig war.

Resigniert und fertig mit dieser schnöden Welt begab ich mich schließlich in die stabile Seitenlage und beschloss, meinem kurzen Leben ein zügiges Ende zu bereiten.

Dieser meiner – wie ich fand – folgerichtige Entschluss wurde allerdings mit offenkundigem Missfallen goutiert, und zwar von – tja, wie soll ich das beschreiben? – ABGRUNDTIEF HÄSSLICHEN Schafen. Sooo hässlich, dass ich anfangs jedes Mal fürchterlich erschrak, wenn sie plötzlich auf der Bildfläche auftauchten.

Oben beschriebene Nacktschafe waren demnach keine Dauerbewohner der Scheune (, was man ihnen angesichts dieser Bruchbude nicht verdenken kann, aber das ist ein anderes Thema …). Doch kamen sie – wie erwähnt – regelmäßig zweihufigen Schrittes (lächerlicher Anblick!) uns vollwertige Schafe besuchen, also ein Dutzend Mutterschafe sowie eine fast täglich wachsende Schar neugeborener Lämmchen. Und dann verrichteten sie – wie ebenfalls bereits erwähnt – mit ihren Vorderhufen merkwürdige Dinge. Aber dazu später, denn zuvor muss ich noch von meinem missglückten Ableben berichten.

Während ich also – mein frühes Ende klar vor Augen, den schönen – dahinsiechte, weil nach meinem wenigen erfolgreichen Erreichen des Euters meine werte Mutter ohnehin im Verdacht stand, nicht ausreichend Milch für zwei Lämmchen zu haben, wuchsen kontralinear zu meinen dramatisch dahinschwindenden Kräften dagegen Aufmerksamkeit und Aktionismus seitens der Zweihufler bezüglich meiner Person bzw. meines kläglichen Zustands…

Lucky am Wendepunkt.
Während ich über mein dramatisches Ende nachsann, meinten mich die Zweihufler mit einem Euterersatz namens Milchflasche retten zu können. (Foto: Lucky-Loo-Red.)

Wendepunkt am Flaschenzug

Jedenfalls hatte ich mit meinem kurzen Leben innerlich abgeschlossen und ich sann nur noch über mein dramatisches Ende nach. Ständig drängten mir die Zweihufler ein Ungetüm auf, das sie Milchflasche nannten, und sie glaubten wohl, ich würde darauf reinfallen und das Ding mit dem schönen, warmen, weichen, nach Muttermilch duftenden Euter verwechseln. Pah! und Bäh!

Dieses mein Ende wäre zweifellos zügig gekommen, wenn mir die Zweihufler nicht einen Strich durch meine zeitlich überschaubare Lebensplanung gemacht hätten.

Mit den grimmigen Worten: „Du bringst meine Freundin nicht zum Weinen!“, riss Papa Zweihufler der Geduldsfaden und stopfte mir wild entschlossen so lange die Milchflasche in meinen zarten Hals, bis ich den Inhalt zwangsläufig leergeschluckt hatte. „Du stirbst nicht!“, schimpfte Papa. „Das kannste vergessen!“

„O.k.“, dachte ich mir. „Dann sterb‘ ich halt nicht …“

Außer dem Tod ist mir seitdem so Einiges begegnet, und die ersten drei Monate meines fortan vielversprechenden Lebens bewohnte ich den Stall meines von mir gekürten Lieblings-Zweihuflers, den ich als meinen Papa längst anerkannt hatte.

 

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Folge der Lucky-Herde

Autor: Lucky-Loo

Geb. 2016; aufgewachsen und sozialisiert unter Zweihuflern in den ersten Lebensmonaten; erfolgreich reintegriert in die Schafsherde; seitdem geistiger Führer, Abenteurer und Autor zwischen zwei Welten.

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