KIKO – Hoppelschaf: Arten-Vielfalt oder Bio-Diversität?

Kiko, das Hoppelschaf.
Kiko war das merkwürdigste Lämmchen, das ich je gesehen hatte. (Foto: Lucky-Loo-Red.)

Kiko war eindeutig das seltsamste Lämmchen, das ich je getroffen hatte (also damals in der dritten Woche meines erfahrungsgeschwängerten Lebens):

In der Mitte seines platten, viel zu kleinen, wenn auch niedlichen Gesichtchens zuckte ein blassrosa Näschen ohne Unterlass, über dem zwei pinkfarbene Augen leuchteten. Die Flauschigkeit seines schneeweißen Fells übertraf sogar das meinige bei weitem. Selbst seine winzigen Hüfchen waren weich befellt, und seine unproportional hochgeschossenen Öhrchen waren stets aufrecht in Habe-Acht-Stellung, knickten niemals seitlich ab, wie etwa die meinigen es in ihrer eigenen Lässigkeit zu tun pflegen.

Klein an Wuchs und merkwürdig am Gang

Lamm mit Kaninchen.
Wenn ich mich Kiko näherte, sprintete er davon und offenbarte einen ganz eigenen Laufstil. (Foto: Lucky-Loo-Red.)

Diese seine Gesamterscheinung – mit offensichtlicher Tendenz zur Kleinwüchsigkeit – schien mir merkwürdig genug. Doch der Oberkracher an Merkwürdigkeit offenbarte sich zweifellos an seinem Gang! Den hättet Ihr mal sehen sollen! Jedes Mal, wenn Kiko Anstalten machte sich fortzubewegen, hätte ich mich wegschmeißen können vor Lachen!

Aber da hemmungslose Belustigung auf Kosten von Lämmern mit Behinderung weder politisch korrekt rüberkommt, noch auf Dauer nett ist, riss ich mich am Riemen. Auch wenn’s schwer fiel. Und es fiel schwer.

Abschweifung I: Politisch korrekt? – Wortwahl mit Behindernissen

Apropos „politisch korrekt“, da fällt mir ein: Ich glaube, als die politisch korrekte Bezeichnung für „Lämmer mit Behinderung“ gilt derzeit „Lämmer mit Handicap“, ist aber auch schon umstritten, weil sich der Begriff ursprünglich aus „Cap in the hand“ herleitet und im Englischen „betteln“ bedeutet. Genauso heiß diskutiert werden Termini wie „Lämmer mit besonderen Bedürfnissen“ oder „Lämmer mit besonderen Begabungen“. Aber: Hey! Haben nicht alle Lämmer besondere Bedürfnisse und besondere Begabungen? … Welchen Unterschied im Übrigen diese oder jene Bezeichnung für die betroffenen Lämmer macht, sei mal dahin gestellt, aber das ist mal wieder ein anderes Thema.  Am besten, man fragt einfach persönlich nach, als wen oder was sich wer mit was-auch-immer bezeichnen lassen möchte.

Schafsgang versus Hoppelgang – Studie komplexer Bewegungsabläufe

Ich hab Kiko nicht gefragt. Für mich war er eindeutig ein kleinwüchsiges Hoppelschaf. Denn dieser Winzling war tatsächlich nicht in der Lage, schafsstandesgemäß zu gehen oder zu laufen oder zu galoppieren, indem er etwa – wie alle anderen Lämmer schließlich auch – ordentlich einen Huf vor dem anderen setzte, und zwar jeweils abwechselnd in diagonaler Synchronisation des vorderen und hinteren Hufpaares, d.h. insgesamt vier Hufe abwechselnd und wiederum  diagonal synchronisierend … Ihr versteht …

Aber, nein. Nicht Kiko!

Zwergkaninchen führt Kerry-Hill-Lämmchen an.
Während alle anderen Lämmchen schafsgang-gemäß einen Huf vor den anderen setzten, hoppelte sich Kiko – meist vorneweg – durchs Leben. (Foto: Lucky-Loo-Red.)

Kiko hoppelte. Und das sah ungefähr folgendermaßen aus: Zuerst stieß er mit den Hinterbeinchen – den relativ gesehen erstaunlich kräftig gebauten, wenn man seine ansonsten filigran konstruierte Physis bedenkt – parallel und gleichzeitig vom Boden ab, ließ ebenso parallel und gleichzeitig die Vorderbeinchen vor seiner (flauschigen) Brust schwebend verharren, bis deren Füßchen mit zartbubberndem „Bubb“ auf der Erde landeten, während sein – auch relativ gesehen: gewaaaltiges Hinterteil – samt Hinterläufer den soeben skizzierten Ablauf von vorne begann … Oder so … Kikos einzigartiger Hoppelgang lässt sich schwer beschreiben. Den muss man einfach gesehen haben, Leute. Und selbst dann kann man sich schwer vorstellen, wie ein Lämmchen auf diese Weise durch’s Leben hoppeln kann. Unfassbar!

Abschweifung II: Beri-Beri versus Hoppeldi-Hoppeldi – Studie gemeiner Krankheitsverläufe (und noch gemeinerer Krankheitsbezeichnungen)

Apropos „Unfassbar!“, beim Vergleich zwischen Kikos un-mööög-li-chen Hoppelgang mit dem ordentlichen Schafsgang fällt mir ein: Habt Ihr gewusst, dass „Schafsgang“ auf Java „Beri-Beri“ heißt? Nein?! Nicht?! – Egal. Aber habt Ihr gewusst, dass mit Beri-Beri, also mit Schafsgang, auch eine Krankheit bezeichnet wird!?! Eine Krankheit!!!! Wie kann man diese anmutige, edle, elegante Fortbewegungsart von uns Schafen als Namensgeber für eine Krankheit missbrauchen?! Noch dazu einer Mangel- und Vergiftungs-Erkrankung, deren Symptome sich u.a. durch einen „wackeligen Gang“ (!) und „zitternde Knie“ (!!!) zeigen!

Hallo??!! – Wackeliger Gang!!? + Zitternde Knie!!? = Schafsgang!!???!!

Eine bodenlose Unverschämtheit ist das oder auch der Gipfel der Unverschämtheit!!! (könnt Ihr Euch aussuchen, je nach persönlicher Höhen- oder Tiefentoleranz.) Eine Krankheit als Schafsgang zu bezeichnen, bleibt auf jeder Ebene unverschämt! Da gönnd isch misch äscht uffräje!! (bedeutet: „Da könnte ich mich echt aufregen.“ – Lucky musste sich derartig echauffieren, dass er für einen Moment sein mühsam angeeignetes Hochdeutsch vergaß und kurzfristig in seinen mittelhessischen Pfefferschaf-Dialekt verfiel; Übers./Anm. d. Lucky-Loo-Red.)

Kikos wahre Identität und Luckys Eintritt in die Welt der Arten-Vielfalt

Aber ich glaube, ich bin ein wenig vom Thema abgekommen. Zurück zu Kiko:

Über Kikos Laufstil wunderte ich mich so lange, bis mir das Lamm vom Zweihufler-Weibchen steckte, dass es sich bei diesem Lämmchen nicht etwa um ein Lämmchen handelte, sondern um … und jetzt kommt’s! … ein Kanickel!!

Mädchen mit Hermelin-Zwergkaninchen.
Das Lamm vom Zweihufler-Weibchen wusste es schon längst: Kiko war gar kein Lämmchen, sondern ein … Kanickel! (Foto: Lucky-Loo-Red.)

Um ein Hermelin-Zwerg-Kaninchen, um genau zu sein.

So. Jetzt ist die Katze – bzw. das Kaninchen – aus dem Sack. Da staunt Ihr, was? Das hättet Ihr nämlich auch nicht gedacht! Ich meine: Wer konnte denn so etwas ahnen? Also, dass in meiner Welt außer Mutterschafen, Lämmchen und drei Zweihuflern noch andere Kreaturen existierten? Doch das sollte ich in meiner nächsten Zukunft auf unterschiedliche Weise erfahren … – Aber nicht sofort.

Für‘s Erste reichte die ausgiebige Beschnupperung und

Lamm Lucky beschnuppert Kaninchen Kiko.
Luckys vorsichtiges Heran-Schnuppern in die Welt der Arten-Vielfalt, deren Anders-Sein und Farbenpracht sich für das kleine Lamm erst nach und nach erschließt! (… und diese Abbildung deshalb noch besonders blass ausfällt!-  Anm./Foto /Bearb.: Lucky-Loo-Red.)

konzentrierte Erkundung von Kiko für meinen ahnungsvollen Eintritt in eine Welt voller Vielfalt und unermesslicher Schätze des kaleidoskopisch Anders-Seienden.

Abschweifung III: Arten-Vielfalt, Bio-Diversität und das Phänomen der Begriffs-Karrieren

Apropos „Vielfalt“, da fällt mir ein: Was im Zusammenhang meiner revolutionären Erkenntnis über das Anders-Seiende bislang unter „Artenvielfalt“ bekannt war und hinlänglich verstanden wurde, heißt heute „Bio-Diversität“ und wird von den meisten nicht mehr verstanden. Ich hege den leisen Verdacht, dass Zweihufler folgendes denken, (falls sie denken, denn das ist noch lange nicht bewiesen, eher das Gegenteil, aber zu diesem – wiederum völlig neuem Thema – vielleicht irgendwann später ) – nun, die Zweihuflerschaft „denkt“ vermutlich folgendes: Wenn man verständliche und ausdruckskräftige Bezeichnungen in unverständliche und fremdwortschmückende Allgemeinplätze umwandelt, heben diese sich nicht selten in den soziokulturell-distinktiven Olymp einer pseudo-intellektuellen und möchte-gern-akademisierten Gruppierung von klugschwatzenden Vollblut-Theoretikern ab. Letztere wiederum springen auf den terminologischen Trendsetter-Zug, indem sie rechtzeitig die neuesten Wortschöpfungen für ihre verstaubten Steckenpferd-Themen adaptieren. Mit alten Themen im aufpolierten Glanze der neuesten Begrifflichkeiten und Kategorien im Gepäck rattern sie auf der kurz (-lebig-)en Schiene der gerade angesagten Modebegriffe und -themen. Und mit lautem Getöse, viel Dampf-um-Nichts sowie dem kohlescheffelnden  Verheizen der modebegrifflich und -thematisch entsprechend bereitgestellten Fördermittel geht es schnurstracks ins praxis- und realitätsferne Nirvana der zu-tode-diskutierten Aussage-und Tatenlosigkeit.  Und auf dieser Schiene reiten Diskutanten und Theorieverliebte so lange herum, bis der Zug auf eine andere, paradigmenwechselnde Schiene mit wiederum „ganz neuen“ Terminologien und Schwerpunkten von uralten Themen rast, welche besagte Wortverfechter ebenso vehement vertreten werden. Und so setzte sich ihre rhetorische Reise in die Ergebnis- und Umsetzungslosigkeit bis in alle Ewigkeit fort, wenn nicht genau jene Ergebnis- und Umsetzungslosigkeit zum schleichenden oder auch jähen Ende dieses Planeten beitrüge und damit anvisierte Ewigkeit vorzeitig vereitelte. Und das war’s dann mit „Artenvielfalt“ oder „Bio-Diversität“ oder wie die Zweihufler das Multi-Anders-Seiende auch immer nennen wollten, falls hiernach ihre Art noch vielfältig vertreten wäre. Ist sie dann aber nicht mehr …

Aber ich bin peripher vom eigentlichen Thema abgekommen (, was bekanntlich so gar nicht meine Art ist! Ha! Ha! Ha!)

Best of: Lieblingsspiele mit Lieblings-Hoppel-Schaf

Kiko war jedenfalls einer anderen Art, einer anderen Rasse, einer anderen Gattung, einer anderen Spezies und – weiß der Kuckuck – einer anderen als ich!

Spannend.

Dennoch – oder gerade deswegen – blieb Kiko mein Freund. Ob ich sein Freund blieb oder jemals war? Darüber bin ich mir heute nicht mehr so sicher. Im Nachhinein betrachtet war ich für ihn eventuell zu … neugierig? … anhänglich? … aufdringlich? … lästig?

Unsere Lieblingsspiele hießen:

Lamm und Hase
Lucky nähert sich Kiko …

 

 

1. Lucky folgt Kiko … ,

…. Kiko hoppelt weg …

 

… und liest lieber Zeitung!

Häschen liest Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Häschen Kiko – vertieft in die morgendliche Zeitungslektüre.

 

 

 

Lamm und Kaninchen schmusen.
Schmusen mit Kiko – manchmal mochte das Kaninchen es auch.

 

 

 

2. Lucky schnuppert an Kikos (süßen, blassrosa) Näschen …

Kiko hoppelt weg;

 

Lämmchen knabbert an Häschen.
Hasen-Löffel sind zum Knabbern da!, findet Lämmchen Lucky. (Fotos: Lucky-Loo-Red.)

3. Lucky knabbert an Kikos Öhrchen …

… Kiko hoppelt weg …

 

 

Selbstmordversuch von Kaninchen Kiko wegen Stalker Lucky-Loo? Wollte Kiko dem aufdringlichen Lamm endgültig entkommen, indem sich das Häschen freiwillig in den Kochtopf warf?

 

 

… und setzt sich zum vollständigen Verzehr gleich ganz in den Kochtopf!

 

 

 

 

 

4. Lucky will schmusen … Kiko hoppelt weg …

… und genehmigt sich lieber einen Drink!

Kaninchen genehmigt sich einen Drink.
Nach gescheitertem Selbstmordversuch erst einmal einen Drink, findet Kiko und genießt sein Kaninchen-Leben. (Fotos: Lucky-Loo-Red.)

5. … usw., usw.

Diese Spiele ließen sich (in diesem Fall tatsächlich) Ewigkeiten fortsetzen. Wir hatten viel Spaß …

Na ja, ICH hatte viel Spaß …

… im Nachhinein betrachtet.

Nichts für ungut, mein kleiner Kiko. Du bist und bleibst mein Lieblings-Hoppel-Schaf, und ich bin sicher, Du hoppelst in Deiner Dir eigenen vielfältigen Art neugierig und vergnügt irgendwo im Kaninchenhimmel herum. Dort lässt Du Dich sicher ausgiebig verwöhnen und ab und zu – wenn Dir langweilig ist und Du mal wieder zu Frechheiten aufgelegt bist – lässt Du ein paar Kaninchen-Köttel regnen. Nicht wahr?

Und übrigens: Miss you.

Kaninchen Kiko.
Kiko forever! (Foto: Lucky-Loo-Red.)
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Folge der Lucky-Herde

Autor: Lucky-Loo

Geb. 2016; aufgewachsen und sozialisiert unter Zweihuflern in den ersten Lebensmonaten; erfolgreich reintegriert in die Schafsherde; seitdem geistiger Führer, Abenteurer und Autor zwischen zwei Welten.

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