Tod einer Königskerze

Als von – unverständlicherweise nur von mir – anerkannter Experte der heimischen Botanik ist mir eine Geschichte nicht mehr aus dem Schafskopf gegangen, die sich unweit meines unmittelbaren Wirkungskreises in diesem Frühsommer zugetragen hatte. Und die will ich Euch natürlich nicht vorenthalten:

Schönheit mit gelbem Kopfputz

Fest verwurzelt und majestätisch hochgewachsen wachte sie jahrelang zwischen Straße und Koppel über das kleine Dorf. Seine Bewohner erfreuten sich an ihrer Schönheit und Anmut, besonders im Sommer, wenn sie ihren üppigen, gelbblütigen Kopfschmuck erhaben gen Himmel reckte und sowohl zwei- als auch vierbeinige Dörfler gleichsam still wie freundlich grüßte.

Hochgewachsen und kerzengerade wachte die schwarze Königskerze über die Dörfler, bis ...
In ihrer gelbblütigen Pracht erfreute die schwarze Königskerze (Quelle: pixabay) die zwei- und vierbeinigen Dörfler, bis …

An ihrem angestammten Platz fühlte sie sich wohl und aufgehoben – nicht zuletzt wegen der treuen Gesellschaft von Glockenblumen und Zwergponys. Ein dorfbekannter Individualist und seines Zeichens Tier- und Pflanzenliebhaber meinte es besonders gut mit ihr, bedachte er sie doch regelmäßig mit Kalkstreu, wenn ihr der Boden offensichtlich zu sauer wurde.

Verbascum Nigrum und ihre Heilkraft

Doch auch die Verbascum Nigrum, unter den Einwohnern besser bekannt als schwarze Königskerze, schien sich ihrer selbst als leuchtendes Sinnbild friedlicher Koexistenz zwischen Mensch, Tier und Pflanze durchaus bewusst zu sein. Schließlich wurden schon einige der 300 Arten ihrer Pflanzengattung nicht nur wegen ihrer erhabenen Schönheit bewundert, sondern auch wegen ihrer heilenden Kräfte geschätzt. So setzte der ein oder andere kundige Dörfler manche ihrer Artgenossen als schleimlösendes Mittel für Erkältungen, Asthma und Reizhusten ein. Und bereits vor Jahrtausenden und Jahrhunderten hatten auch andere kluge Menschen die inneren Werte der krautigen Pflanze erkannt. Der gute alte Hippokrates (460 – 370 v. Chr.) zum Beispiel empfahl das Familienmitglied der Braunwurzgewächse für die Wundbehandlung. Ein heißer Tipp für Fischer und Angler kam von Aristoteles (384 – 322 v. Chr.): „Streut den Samen der Verbascum in die Gewässer! Die darin enthaltenen stickstoffhaltigen Steroide (Saponine) machen die Fische so lull und lall, dass sie sich ganz leicht fangen lassen!“ Und Hildegard von Bingen (1098 – 1179 n. Chr.) schwor auf die Heilwirkung der Königskerze für ein „traurig Herz“.

Donner und Blitz vom Himmel brennt

Ihre Karriere als Heilpflanze brachte diesem oftmals bis zu einem Meter hohen, oben rispig-verzweigten Gewächs zahlreiche Trivialnamen ein – wie etwa Donner- und Blitzkerze, Himmelsbrand, Kunkel, Unholdskerze, Wetterkerze, Winterblom, Wollblume oder Wollkraut.

Doch Schönheit, Heilkraft und Spitznamen halfen unserer schwarzen Königskerze am Ende alles nichts. Denn eines düsteren Tages – wenn auch zur schönsten Sommerzeit – bot sich ein Bild des Grauens genau an der Stelle, wo sonst die allseits geliebte Verbascum Nigrum stolz und würdevoll zu residieren pflegte. Dicht am Boden ihres Platzes fand man nur noch vertrocknete, tote Stoppel, die in jenseitiger Klage vom grausamen Meuchelmord der Königskerze zeugten. Abgemäht, kleingehexelt und weggerafft wurden die sterbenden Überreste einstiger Lebensfreude und Kraft im prächtigen Grün und leuchtendem Gelb.

Die schwarze Königskerze: grausam dahingeschreddert.
… von ihr nach einem unfassbar grausamen Dahingeschredders nichts als sterbliche Dörrnis des einst strahlenden gelbblütigen Lebens übrig war. (Foto: Lucky-Loo-Red.)

Unfall oder gemeiner Meuchelmord?

Dies alles war nicht mehr. Menschen waren entsetzt, Tiere betrübt – ein Dorf trauerte. Nur die Glockenblumen rings um den Tatort hätten zu berichten gewusst, was sich zur Tatzeit genau zugetragen hatte, doch sie sind bis zum heutigen Tage paralysiert und weiterhin nicht vernehmungsfähig.

Dennoch ging man jeder Spur nach. Kein Hinweis wurde ignoriert. Schließlich geriet das städtische Bauamt unter dringenden Tatverdacht. Denn im Zeitraum der mutmaßlichen Tatzeit waren Mitarbeiter des Bauamtes beauftragt, anlässlich eines großen Stadtfestes mit ihren martialischen Fahrzeugen Straßen und Flure zu säubern. Aber da das Bauamt sonst für seine Umsicht und Rücksicht für Pflanzen und Tiere bekannt ist, geht die Anklage nicht mehr von Mord, sondern von fahrlässiger Tötung aus. Und man hat den Fall fallen lassen …

.. und mit ihm die schwarze Königskerze, die dereinst stand am Wegesrand inmitten des kleinen Dorfes. Was bleibt, ist die schöne Erinnerung und ihre schreckliche Tragödie.

Königskerzen unter Schafen

Nachdem uns Schafen diese Tragödie zu Ohren gekommen war, betrachteten wir eine gewisse Pflanze, welche in nicht geringer Zahl bei uns unbehelligt auf der Koppel stand, in einem ganz neuen Licht. Denn als das Ableben der schwarzen Königskerze drunten im Dorf von den Dörflern zwar als unvermindert tragisch empfunden, von der Jurisprudenz jedoch als Bagatell-Delikt abgetan worden war, ließen wir nach und nach den bis dahin hochgehaltenen Respekt gegenüber den Königskerzen auf unserer Koppel fahren, um die wir zuvor vorsichtig herumgeknappert hatten.

Auch auf unserer Weide standen schöne Königskerzen.
Als wir Schafe vom Tod der Königskerze hörten, betrachteten wir die Königskerzen auf unserer Weide plötzlich in einem ganz anderen Licht. (Foto: Lucky-Loo-Red.)

Also kosteten wir, und wahrlich: Sie schmeckten vorzüglich!

Inzwischen gibt es auf der Koppel keine Königskerzen mehr – aber auch keinen Husten unter uns Schafen.

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Folge der Lucky-Herde

Autor: Lucky-Loo

Geb. 2016; aufgewachsen und sozialisiert unter Zweihuflern in den ersten Lebensmonaten; erfolgreich reintegriert in die Schafsherde; seitdem geistiger Führer, Abenteurer und Autor zwischen zwei Welten.

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